Seidenrock Schnittmuster Burda
Nähen

Seide aus Bangkok und der 1,7 Meter Rock

Es macht mich im Moment sehr glücklich, mein umfangreiches Stofflager abzubauen.

Normalerweise verliebe ich mich schnell und heftig in Stoffe, die ich in Geschäften finde, aber auch meine fertiggestellten Kleidungsstücke liebe ich und trage sie sehr, sehr gern. Das Zwischenstadium aber, das Aufbewahren in meiner großen Stoffkiste, ist ein wenig inspirierendes für mich. Es kommt mir immer vor, da gibt es nichts mehr Interessantes, ich habe alle meine besten Stoffe schon vernäht. Zum Glück beweise ich mir gerade mit beinahe jedem fertigen Projekt das Gegenteil.

Das kleine unscheinbare Plastiksackerl mit zwei Seidenstoffen aus Thailand lag bereits seit vier Jahren in meinem Stoffberg und irgendwann im Februar zog ich es völlig uninspiriert wieder hervor, mit dem Gedanken, „nun muss ich es aber wirklich mal verarbeiten“. Herausgekommen sind zwei tolle Kleidungsstücke, ein Rock und ein Kleid, und ich kann es mir nun, wie immer, überhaupt nicht erklären, warum ich mir so viel Zeit damit gelassen habe.

Den Rock stelle ich heute vor.

Gestreifte Seide aus Bangkok, Rock Schnittmuster Burda

Die Seide

Bangkok ist eine meiner Lieblingsstädte, ich war insgesamt vier Mal dort. Bei meinem letzten Besuch habe ich bereits angefangen zu nähen, und die Tradition, aus jeder meiner Reisen ein paar Stoffe mitzubringen, hatte sich schon langsam etabliert. „Leider“ (aus heutiger Sicht) war ich ein paar Monate davor in Paris und habe einen halben Koffer voll mit Stoffen von dort mitgebracht, und mein Nähtempo war damals… im Vergleich zu heute bescheiden – und ich kann mich auch noch heute nicht zu schnellen Näherinnen zählen! Also beschloss ich damals, auf den Besuch von Stoffmärkten und auf die legendäre Thaiseide zu verzichten.

Habt ihr auch die Gewohnheit, in fremden Städten einfach nur Google Maps zu durchforsten, um zu sehen, was es in der Nähe alles gibt? So bin ich auf ein „Seidengeschäft“ in nur 300 Metern Entfernung von unserem Hotel gestoßen! Tja, das war wohl Schicksal.

Seidenrock Schnittmuster Burda

Damals gab es sie noch nicht, heute kann man sich ein Dutzend Fotos vom Geschäft auf Google Maps anschauen! Klickt den Link und schaut sie euch unbedingt an, der Laden ist, ähm, ungewöhnlich. Ich bin mir nur nicht sicher, dass ich die Fotos hier im Blogpost einbinden darf, selbst mit Quellenangabe.

Damals gab es aber noch keine Fotos, also habe ich ein „normales“, „europäisches“ Stoffgeschäft erwartet. Ein wenig war ich aber verwundert, da ich wusste, dass mich jenseits des Kanals die typischen Slums erwarten; ein paar Mal waren wir ja dort spazieren. Möglicherweise sind wir auch schon ein, zwei Mal an dem „Geschäft“ vorbeigegangen, denn außer einer Tafel, die wir nicht lesen können, deutet nichts darauf hin, was sich in dem kleinen Häuschen verbergen könnte.

Man geht über eine niedrige Türschwelle und kommt in einer Wohnung an – einer richtigen Wohnung in den Slums mit kleinem Fernseher, ordentlich bezogenen Betten, einer Küche, in der immer etwas gekocht wird, Portraits von Familienmitgliedern und dem König von Thailand auf den Wänden. Links vom Eingang ist ein kleiner Innenhof, da färbte ein junger Mann Seidengarn im leuchtenden Gelb und hängte es zum Trocknen auf. Der alte Mann, wohl der Vater des Hauses, führte uns zu einer Ecke im Wohnzimmer, wo die Seidenstoffe in einem alten Schrank mit Glastüren aufbewahrt werden.

Striped Silk Skirt

Die Stoffe, für die ich mich entschieden habe, kosteten umgerechnet 12,5 Euro pro Meter. Gar nicht so unglaublich günstig, da sie ja sehr schmal gewebt sind, ich glaube, sie waren kaum einen Meter breit. Möglicherweise hätte man handeln können. Hätte man… Ich könnte es nicht; ich meine, wenn man aus der kühlen luxuriösen Hotellobby in die Hitze hinaustritt und die Gassen der Slums betritt, und dann diese kleine karge aufgeräumte Wohnung mit dem winzigen Fernseher, der wahrscheinlich älter war als ich… In den Ländern, wo man über die Preise verhandeln kann, konnte ich es noch nie machen.

Wir haben natürlich den Stoff natürlich auch anzünden lassen, wie es in allen Reiseführern steht. Damals hatte ich noch nicht die Erfahrung, dass ich daraus viel schlauer geworden wäre; mittlerweile weiß ich gut, wie Seide brennt und riecht. Diese Seide hat eine ganz andere Haptik, als die zarten fließenden Seidenstoffe, die ich in Europa kaufe – die Oberfläche ist etwas rauh, sie rutscht nicht und ist somit ziemlich leicht zu verarbeiten, selbst der Streifenstoff. Überall, wo ich auch nur ein wenig aufgepasst habe, treffen die Streifen vorzüglich aufeinander – und der Rock hat 5 Nähte!

Rock Schnittmuster Burda 3/2018

Vor dem Verarbeiten habe ich die Seide wie üblich vorbehandelt: gewaschen in der Waschmaschine mit dem Feinwäsche-Programm, getrocknet im Trockner mit dem Feinwäsche-Programm und anschließend mit Dampf behandelt. Der Stoff ist dadurch wahrscheinlich einige Prozent eingegangen und hat möglicherweise auch etwas an Glanz eingebüßt, was aber mit mit bloßem Auge erkennbar ist. Dafür kann ich den Rock nun ganz normal zu Hause waschen, anstatt ihn jedes Mal in die Reinigung zu geben.

Das Modell: Burda 10/2018

Das Modell sieht 1,7 Meter Stoff für den Rock vor, ich hatte aber nur 1,4 Meter von der gestreiften Seide. Ich war überzeugt, es würde sich trotzdem ausgehen. Das Modell gibt es erst ab Größe 36, ich musste den Rock also auf Größe 34 gradieren. Außerdem war mir klar, dass ich ihn massiv kürzen würde – auf den Burda-Fotos geht er bis zur Mitte des Schienbeins – bei Models, die vermutlich mindestens 1,70 groß sind (ich bin 1,59 cm groß).

Ich habe zum Glück schon früh gelernt, wie man ausgestellte Röcke kürzt – natürlich wird das Schnittmuster nicht einfach „unten“ am Saumabgeschnitten. Ich habe ca. 2/3 der Gesamtlänge abgemessen, eine horizontale Linie eingezeichnet, das Schnittmuster auseinander geschnitten und mit 16,5 cm Überlappung wieder zusammengeklebt. Die 15 cm sind eine massive Änderung am Schnittmuster, egal in welche Richtung und zu welchem Zweck, somit hat der Rock einen etwas anderen Fall als die Modelle in der Zeitschrift. Die Saumweite ist durch meine Methode natürlich die gleiche geblieben, aber die Seitennaht hat einen ganz anderen Winkel bekommen, somit ist der Rock „bauschiger“, und optisch mehr ausgestellt.

Seidenrock Seide aus Thailand Schnittmuster Burda

Sobald die Schnittmusterteile fertig geändert waren und auf meinen Stoff aufgelegt, habe ich realisiert, dass die Seide trotzdem nicht ausreicht. War ja klar, denn die 1,7 Meter sind angegeben für einen Stoff ohne erkennbaren Musterverlauf und 145 cm Gesamtbreite. Meine in den Slums von Bangkok gewebte Seide war etwas über einen Meter breit. Und das Muster – die Streifen sind zum Glück nicht sehr breit, aber ich musste mich natürlich auch danach richten.

Aber aufgeben würde ich nun auch nicht.

  • Am Saum habe ich weitere 1,5 cm abgeschnitten
  • DieNahtzugabe am Saum habe ich weggelassen und statt dessen schwarzes glänzendes Schrägband zum Einfassen gekauft
  • Ein Schnittmusterteil habe ich „kopfüber“ platziert (mache ich normalerweise nie, schon gar nicht bei glänzenden Stoffen)
  • Den Bund habe ich vertikal zugeschnitten – insgesamt aus 6 Teilen gestückelt.

Der letzte Punkt bedeutete einiges an Mehrarbeit und hat mich am meisten geärgert. Sieht aber im Endeffekt ganz gut aus, finde ich.

Gestreifter Seidenrock Schnittmuster Burda

Es ist nichts!! übriggeblieben von der Seide. Meine Overlock hat nicht sofort ein schönes Stichbild hinbekommen, und zum Schluss hatte ich nicht mal genug Fitzelchen für die Spielerei mit den Einstellungen.

Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich mir die Arbeit mit dem Schnittmuster gemacht habe – das Gradieren und Kürzen. Ich kann mir noch einige solche Röcke in meinem Kleiderschrank vorstellen, und ein weiterer ist bereits zugeschnitten.

Das Gesamtoutfit

Rock: Burda Style 10/2018 Modell 106

Bluse: mint & berry

Schuhe: Jil Sander

Schmuck: Thomas Sabo

Rock aus Thai Seide Schnittmuster Burda

Verlinkt bei: MeMadeMittwoch

26 Gedanken zu „Seide aus Bangkok und der 1,7 Meter Rock“

  1. Einfach nur schön, aber eben wieder nichts für den Sandkasten, wie beim rosa Kleid 😉
    Schön, daß der Stoff gereicht hat, denn dieser Seidenrock ist sehr schön. Er kleidet Dich gut.
    Ich bringe mir auch von meinen Auslandsaufenthalten gerne Stoffe mit. Besonders in Asien ist es immer wieder ein Erlebnis, einkaufen zu gehen. Es ist so anders als in Europa.
    Liebe Grüße
    Susan

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  2. Deine Geschichte zum Rock liest sich wirklich sehr schön. Ich versuche auch immer in Urlauben ein bisschen Stoff mitzubringen. Selbst bei kleinem Gepäck findet sich meist noch ein Plätzchen. Dein Rock ist wunderschön geworden.

    LG Carola

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  3. Ein ganz wunderschöner Rock ist das, hätte von dem kleinen Foto nie auf Seide getippt, aber da gibt es tatsächlich viele Qualitäten, hier meist nur die „italienische Blusenseide“. Ich erinnere mich noch an wunderbare Dupionseide, die viel günstiger war und die ich schon viele Jahre bzw. 2 Jahrzehnte nicht mehr im Stoffladen gesehen habe. Und dass du nur so wenig Stoff verwendet hast, haut mich um. Bei 1,76 cm Körpergröße wäre das anders gewesen. Sehr schön und toll inszeniert. LG Anja

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    1. Ja, genau, die Qualität ist ähnlich wie Dupionseide! Danke schön für deine lieben Worte! Ja, irgendeinen Vorteil muss es ja haben, so kurz zu sein und auf alle raufschauen zu müssen )) Aber ich übertreibe auch mit meinem Geiz beim Stoffkauf und habe mir wieder mal versprochen, beim nächsten Mal entweder 2 Meter und mehr oder gar nichts zu kaufen. Liebe Grüße Juli

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  4. Wunderschön. Dein Rock ist einfach eine Wucht.
    Und das mit den Stoffgeschäften auf Reisen kenne ich. Aber am liebsten in Bangkok im indischen Viertel. Immer ein kleines Abenteuer. Aber jedesmal finde ich unglaublich Stoffschätze da.
    Liebe Grüße
    Britta

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    1. Danke!! Den Tipp mit dem indischen Viertel merke ich mir fürs nächste Mal! Die nächste Thailand-Reise werde ich viel sorgfältiger planen in Hinsicht auf Stoffe shoppen 😉 Liebe Grüße Juli

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  5. Wahnsinn, eine tolle Geschichte zu einem Stoff, der ein richtig tolles Kleidungsstück geworden ist. Dem Rock sieht man nicht an, dass du tricksen musstest, um mit der Menge hinzukommen. Der abgewandelte Schnitt steht dir wirklich sehr gut. Als ich in Bangkok war, war ich so überwältigt von den Eindrücken, dass ich das Nähen und Stoffläden komplett ausgeblendet habe. Dein Beitrag lehrt mich eines besseren 🙂 Nächstes Mal muss ich auch Stoffe shoppen gehen. Viele Grüße! Jenny

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    1. Ja, ich bin auch jedes Mal überwältigt, wenn ich in Asien bin! Als ich den Blogbeitrag geschrieben habe, ist mir klar geworden, wie gerne ich noch mal nach Thailand reisen würde, Stoffeshopping hin oder her! )) Liebe Grüße Juli

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    1. Danke, liebe Elke! Ja, feine Stoffe und Trockner ist so eine Sache, aber meiner ist ein sehr neues Modell und hat ein hervorragendes Programm für feine Stoffe. Ich muss ehrlich zugeben, ich habe viel mehr Schaden bei meinen Baumwollsachen damit angerichtet, vor allem die Socken von meinem Sohn (Schuhgröße 21-22) kommen regelmäßig als Neugeborenen-Söckchen wieder raus… Da gabs schon einige Male den Zyklus „gekauft – gewaschen – gespendet/verschenkt“. Liebe Grüße! Juli

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  6. Wunderschöner Rock! Man sieht richtig auf den Fotos wie gut er dir gefällt und wie gut er zu dir passt. Der Stoff hat wirklich eine tolle Geschichte und bei jedem Tragen wirst du an diesen Urlaub erinnert. Bis jetzt bringe ich mir noch keine Stoffe als Souvenir mit, schließlich reise ich lieber mit leichtem Gepäck, aber es ist wirlich eine schöne Erinnerung und ich sollte es auch mal versuchen 😉

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Liebe Julia, danke schön ))Yep, Stoffe als Souvenire aus fremden Ländern kann ich nur empfehlen. Ich reise selbst gerne mit leichtem Gepäck, aber gerade dann ist der (kleine) Koffer nicht schon bei der Anreise am Platzen )) Und zwei, drei Meter feiner Seide nehmen zusammengerollt nicht mehr Platz ein als ein paar Baumwollunterhosen, ehrlich )) Liebe Grüße Juli

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