Isabel Kraemers "westbourne" Pullover, gestrickt in Rowans "Felted Tweed" Garn.
Stricken

Wieder einmal Tweed in Violett – der „Westbourne“ Pullover

Bevor die Temperaturen weiter steigen und Wollprojekte für die nächsten Monate an Aktualität verlieren, möchte ich ein weiteres Strickprojekt vorstellen. Keine Sorge, meine lieben nähbegeisterten Leserinnen, ich habe auch noch einige Nähprojekte, die der Veröffentlichung harren! Aber die warmen Kleidungsstücke sind im Winter viel angenehmer zu fotografieren…

Isabel Kraemers

Keine neuen Garne und Stoffe in der Karenz!

War auf jeden Fall mein Vorsatz. Zum Einen, da ich im Vorhinein kaum wissen konnte, ob und wann ich wieder zum Nähen und Stricken kommen würde, und zum Anderen hatte ich endlich einen vernünftigen Grund für die Einschränkung. Gesteigerte Ausgaben bei verringertem Einkommen – wie schön, wenn man da aus Vorräten schöpfen kann und so regelmäßig neue schöne Kleidung quasi „kostenlos“ bekommt!

Nun liegen bereits zwei Drittel meiner Karenzzeit (ich weigere mich, es als Karenz“urlaub“ zu bezeichnen! Der härteste Job, den ich je gemacht habe…) hinter mir und der Plan ist… – eigentlich überhaupt nicht aufgegangen, aber ich bin dennoch sehr zufrieden mit mir.

Denn:

  • Ich habe etliche neue Sachen gestrickt und dementsprechend alte Wolle verbraucht. Bis auf zwei Reinfälle, die ich für den Buben in Größe 74 gestrickt habe und die etwa zwei Mal getragen wurden, trage ich die Sachen auch gerne und viel.
  • Ich nähe! Regelmäßig! Fast jeden Abend 20 bis 40 Minuten. Das ist nicht viel für so ein zeitfressendes Hobby, aber es kommt einiges an Zeit zusammen. Im Durchschnitt brauche ich etwa sechs Wochen für ein fertiges Projekt. Ich nehme mir allerdings nichts Komplexes vor und bleibe bei Blusen, Röcken und Kleidern. (Vielleicht nähe ich mir endlich einen Mantel, sobald ich ein Schulkind daheim habe… ) Somit sollten meine Vorräte eigentlich schrumpfen….

Aber – zu großen Teilen ist mein Plan auch nicht aufgegangen.

  • Ich bin so geizig! Das ist ja schon peinlich! Ich kaufe Wolle für einen Pullover für mich (ich bin doch so schlank und klein!) und dann reicht sie höchstens für meinen Sohn (für den ich, wie schon mal erwähnt, nicht stricke, denn zB. Banane lässt sich aus Wolle gar nicht rauswaschen!). Zum Glück sind die meisten Garnqualitäten aus meinen Vorräten noch erhältlich, somit kann ich das Problem umgehen. Den Höhepunkt stellt ein Cardigan dar, den ich in diesem Blog noch vorstellen werde. Für den hatte ich vier Knäuel aus meinem Vorrat zum Start und musste sieben (!) Knäuel nachkaufen… Das heißt, ich kaufe sehr wohl neue Wolle, und wie!
  • Auch wenn ich einen festen Vorsatz gefasst habe, keine Stoffe mehr zu kaufen, auf Reisen und vor Hochzeiten kann ich einfach nicht widerstehen. Beides war im ersten Babyjahr eigentlich auch nicht geplant… Zum Glück kann ich weder auf den Chef meines Mannes noch auf die Freunde meiner Freundinnen einen Einfluss nehmen. Wir wurden als Familie auf eine lange Dienstreise geschickt und zwei Freundinnen verlobten sich. Ist doch schön. Die Bilanz: 6 neue Seidenstoffe. Zumindest nehmen sie wenig Platz ein….

Isabel Kraemers

Nur drei Knäuel nachgekauft

Der „Westbourne“ Pullover von Isabell Kraemer ist natürlich auch so ein Nachkauf-Projekt, trotz der 3/4 Ärmel. Gestartet mit vier Knäuel der Rowan Felted Tweed Wolle und drei Knäuel habe ich nachgekauft.

Das ist ganz offiziell mein erster Pullover, der so lang geworden bin, wie ich es mir wünsche. Sonst hatte ich nie die Ausdauer dazu. Während ich diesen Pullover beendet habe, musste ich viel Willenskraft aufbringen und das Bild in meinem Kopf von einem knie- oder gar wadenlangen Teil immer wieder ausblenden. Geholfen hat mir dabei natürlich, dass ich die extra nachgekaufte Wolle nicht unangetastet lassen wollte. Sieh da – die Länge ist perfekt!

Die Anleitung

Einzelanleitungen sind im Vergleich zu Strick-Zeitschriften, die es mittlerweile wie Sand am Meer gibt, nicht ganz günstig. Zumal ein Pullover-Modell in aller Regel nur einmal gestrickt wird, während Schnittmuster von den meisten Näherinnen (und von mir ganz besonders!) gerne reproduziert werden. Vielleicht ticke ich da als Näherin sowieso anders, aber diese Anleitung ist nicht nur ihr Geld wert, sie hat für mich auch das Zeug für eine Massenproduktion im Rahmen meines Kleiderschranks.

Die Anleitung ist sehr verständlich und einfach zu befolgen, selbst für mich als Gelegenheits-Strickerin. Trotz der kleinen Nadelstärke (3,5) geht es sehr flott voran, insbesondere nach den Armausschnitten, wenn es einfach in Runden glatt rechts weitergeht.

Isabel Kraemers "westbourne" Pullover, gestrickt in Rowans "Felted Tweed" Garn.
Hier sieht man die „falsche“ Seitennaht, sie ist nur dazu da, um den Streifenbeginn zu verstecken, der sonst leicht versetzt wäre. Der Pullover ist in Runden gestrickt.

In der Anleitung werden zwei Varianten des Pullis vorgestellt. Die „Tag“-Version hat dunkle Streifen auf hellem Untergrund und lange Ärmel, die ebenfalls gestreift sind. Die „Nacht“-Version hat helle Streifen auf dunklem Untergrund und einfärbige 3/4 Ärmel. Wie man sieht, habe ich mich ziemlich genau an die Nacht-Version gehalten. Ich habe nur die Ärmel um 3 cm verlängert und zwei Streifen auf linkem Ärmel eingefügt.

Varianten

Der Pullover ist leicht tailliert – auch da habe ich mich exakt an die Anleitung gehalten. Vor allem, da ich ein längeres Modell wollte. Ich kann mir aber auch vorstellen, eine cropped-Version des Pullovers zu machen: Für die kurze Version würde ich eine oder zwei Größen raufgehen und statt den Abnahmen für die Taillierung Zunahme-Runden einfügen.

Für mein nächstes Projekt mit dieser Anleitung plane ich einen langen (länger als dieses Modell, falls die Wolle reicht) weißen Pullover eine Größe größer, also S statt XS. Denn der violette Pullover hat eine beinahe zu gute Passform in Anbetracht des aktuellen Oversize-Trends.

Isabel Kraemers "westbourne" Pullover, gestrickt in Rowans "Felted Tweed" Garn.

Das gesamte Outfit

Mantel: Mango

Pullover: Isabell Kraemer „Westbourne“, die Nachtversion, gestrickt mit Rowans „Felted Tweed“ Garn in Farben Amethyst und Gelb, das wohl vom Markt genommen wurde.

Jeans: Patrizia Pepe

Schuhe: Pier One

Isabel Kraemers "westbourne" Pullover, gestrickt in Rowans "Felted Tweed" Garn. Das Gesamtoutfit

Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal mit einem Nähprojekt!

 

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere
Stricken

Eine Babydecke aus Kaschmir

Eineinhalb Jahre war es hier still auf dem Blog. Ich habe weiter genäht und gestrickt, mal mehr, mal weniger, auch neue Sachen getragen (eher weniger) und in erster Linie ein Baby bekommen, das seit ein paar Wochen kein Baby mehr ist. Als ich diesen Beitrag schreibe, geht es mir bereits miserabel, aber ich weiß es noch nicht, dass ich schwanger bin. Hier trage ich bereits mit Stolz meine erste Schwangerschaftshose und fühle mich genau so mies wie ich auf den Fotos aussehe 🙂

Dadurch, dass die Schwangerschaft keine einfache war, habe ich wenigstens keine Babykleidung genäht. Ich habe natürlich ein paar Bücher dazu gekauft, aber unangetastet wieder verkauft. Als ich in den ersten drei Lebensmonaten meines Babys beobachtet habe, wie er aus der Größe 50, Größe 56, Größe 62 anschließend in die Größe 68 wechselt, hatte ich nur eine Frage: Wie??? Wie kommt jemand auf die Idee, Babykleidung selbst zu produzieren?

Nun ist er offiziell ein Kleinkind und wird Größe 86 voraussichtlich ein Jahr lang tragen, und ich bin dennoch weit davon entfernt, meine spärliche Nähzeit für seine Sachen zu verwenden. Erde, Sand, Matsch, Grasflecken, Beeren, Spinat und Tomaten (einmal in frisch, einmal vorverdaut), Spucke, Spucke, Spucke ohne Ende und hin und wieder eine ausgelaufene Windel sind alles Dinge, die im Stundentakt auf seiner Kleidung landen. Es ist ja alles kein Problem, wenn man eine große Waschmaschine hat, aber extra dafür nähen…

Ich bleibe bei meiner Seide und dies bleibt ein Erwachsenenblog.

Eine rosa Babydecke für meinen Sohn

Ein paar Babysachen habe ich in der Schwangerschaft aber doch gestrickt. Das gehört irgendwie zur Vorfreude dazu – außerdem musste ich teilweise ganze Tage auf der Couch verbringen.

Dass mein Baby eine Kaschmirdecke bekommt, wusste ich bereits, bevor es sich auf den Weg gemacht hat. Ich wusste, dass es auf jeden Fall dieses Modell werden würde. Ich wünschte mir ein zartes Rosa für den Fall, dass ich ein Mädchen bekommen würde, und wenn es ein Bub wäre… Dann würde ich mich spontan entscheiden.

Also habe ich viele lange Wochen abgewartet, bevor ich das Wollgeschäft meines Vertrauens wegen der Decke aufgesucht habe. Ich war sehr glücklich – ich hätte das nie zugegeben, bevor ich das Geschlecht offiziell erfahren habe, aber ich wollte schon immer einen Sohn haben. Ich habe mir viel Zeit für die Auswahl des richtigen Farbtons gelassen und mich schließlich für ein zartes Rosa entschieden.

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere

Ihm würde es doch egal sein. Hauptsache warm und weich. Buben- und Männersachen hat er später mehr als genug. Und ich bekomme beide Träume erfüllt – ich bekomme einen Sohn und eine rosa Babydecke.

Immer wieder Cardiff Cashmere

Dazu muss ich sagen, das Cardiff Cashmere Small Garn, das man für diese Decke braucht, hat zwei rosa Töne. Das Giulietta geht in Richtung Fuchsia und ist für mich zu intensiv, hätte ich auch für ein Babymädchen nicht genommen. Zen ist hingegen ein perfektes gedämpftes helles Beige-Rosa – ein Volltreffer für meinen Kleiderschrank! Und eine sehr schöne Babyfarbe.

Die Decke wurde natürlich rechtzeitig fertig (zugegeben, kein kleines schnelles Projekt, aber den Witz „Dein zweites Kind wird sich freuen!“ konnte ich irgenwann auch nicht mehr hören) und war täglich bei allen Schläfchen Tag und Nacht in Verwendung, ob im Bett oder im Kinderwagen. Ab seinem zweiten Lebenstag und bis er das Rotieren um die eigene Achse perfektioniert hat.

6 Tage altes Baby unter der selbstgestrickten Babydecke
6 Tage alt. Und das Jäckchen ist auch von mir gestrickt

Die Decke sieht aus wie neu. Als ich eingesehen habe, dass er sie in der Nacht nicht mehr braucht bzw. nicht mehr sachgemäß verwenden kann (es gibt Nächte, da rotiert er gemeinsam mit dem Minutenzeiger unserer großen Uhr im Schlafzimmer und wenn ich die Augen nicht aufmache, kann ich nur raten, ob es sein Kopf, sein Knie oder sein Fuß ist, der sich in meinen Oberschenkel drückt), habe ich sie zum ersten Mal mit einem Kaschmirkamm bearbeitet.

Den großen Kaschmirschal von meinem Mann, den wir vor ein paar Jahren um 79,90 gekauft haben – kein guter Preis für echten Kaschmir! – bearbeite ich damit mindestens drei Mal pro Saison. Nach zwei Mal Tragen sieht er schon wieder aus wie vorher. Und meine Güte! es ist ein Schal! Wie intensiv trägt man einen Schal, es ist doch keine Hose, kein Turnschuh! Einmal einwickeln, einmal auswickeln! Mass Market und edle Stoffe passt einfach nicht zusammen.

Bevor ich die Babydecke hatte, dachte ich, Kaschmir verhält sich nun mal so. Kaschmirwolle ist unglaublich weich und kuschelig und habe eben den Nachteil, dass sie besonders schnell Pillingknötchen bildet.

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere. Getragen als Schal.

Nein, es geht auch anders. Ich habe das Gefühl, ich werde noch sehr lange Freude an dieser Decke haben. Und wie ich schon eingangs erwähnt habe, ist der Schal, äh, die Decke ein Volltreffer  für meinen Kleiderschrank.

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere. Getragen als Schal.

Und was ist mit den Erinnerungen?

Wurde ich schon gefragt. Ob ich die Decke nicht lieber sicher verstauen möchte, mit all den Kostbarkeiten des Babyalters, das Armband aus dem Krankenhaus, der erste Body in Größe 50 (und er war immer noch zu groß!), die Ultraschallbilder, und die ersten komplett abgetragenen Krabbelschühchen.

Aber ja. Irgendwann. So habe ich doch die Erinnerungen auch bei mir. Ich weiß, wie ich ihn zum ersten Mal damit zugedeckt habe. Und so kommen neue Erinnerungen dazu. Vielleicht trage ich den Schal ja bei seiner ersten Weihnachtsaufführung in der Krippe, wer weiß. Wenn ich ihn zu seinem ersten Skikurs begleite. Oder…

Mal sehen. Jetzt ist es erst mal Zeit für den Frühling.

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere. Getragen als Schal.

Das gesamte Outfit

Schal: Babydecke gestrickt nach einer Anleitung vom Wiener Wollcafe Laniato

Mantel: Mango

Hose: Tweedhose, die ich hier schon vorgestellt habe.

Babydecke rosa gearbeitet mit Cashmere Garn von Cardiff Cashmere. Getragen als Schal.

Liebe Grüße und hoffentlich bis bald!

Juli

Guston Henley Pullover nach Anleitung von Brooklyn Tweed
Stricken

Für ihn… und ein bisschen für mich – der Guston Henley Pullover

Auf meinem Blog habe ich vorerst drei Kategorien eingerichtet: Nähen, Stricken und Slow Fashion. Ein kurzer Überblick zeigt, wo ich meinen klaren Fokus habe: dies ist erst der zweite Post, der sich um ein selbstgestricktes Kleidungsstück dreht. Und das, obwohl ich zum Nähen erst durchs Stricken gekommen bin! Und, wenn ich mal ganz, ganz ehrlich bin: das Stricken an sich,  die Haptik der Nadeln, die gleichmäßige Bewegung der Hände…. macht mir fast mehr Spaß als das Nähen. Heftfäden rauswuzeln, Nahtlinien markieren, Ärmel einsetzen – es gibt zu viele lästige Arbeiten auf dem Weg zum Traumteil 🙂

Stricken – ein Stiefkind unter den Hobbies

Warum habe ich dann überhaupt mal darüber nachgedacht, mit dem Stricken (zumindest von Oberteilen) aufzuhören? Untragbares und Schreckliches habe ich bereits sowohl mit Bambusnadeln als auch mit der Nähmaschine produziert…

Aber das Stricken dauert so lang! Tage, Wochen, ja Monate können vergehen, bis man zumindest das Augenmaß zu Hilfe nehmen kann, um zu sagen, ob das was wird mit der Passform oder nicht. Da ist nichts mit „ich gehe heute früher von der Arbeit und schiebe eine drei-Stunden-Strick-Session ein, um zu sehen, wie der Pulli sitzt, den ich gestern angeschlagen habe“. Und was denkt man sich, wenn man nach 3-4 Wochen Arbeit endlich ein fast komplettes Rücken/Vorderteil in der Hand hält? Also, ich weiß nicht, wie das andere handhaben, ich denke immer, „wird scho passen“. 🙂  Tut es ja auch oft. Aber manchmal auch nicht. Aber das erfahre ich ja erst in ferner Zukunft (=weiteren 4-5-10… Wochen).

Für diesen großartigen Pullover nach der Anleitung von Brooklyn Tweed habe ich sagenhafte 8,5 Monate gebraucht:

Strickanleitung von Brooklyn Tweed für einen klassischen Pullover mit Knopfleiste
Guston Henley Pullover (Brooklyn Tweed 2012)

Und es hat sich voll und ganz ausgezahlt.

Guston Pullover – die Entstehung

Anleitung von Ann Budd (Brooklyn Tweed Kollektion 2012) – teuer, aber gut! Sehr ausführlich, gut gegliedert, mit Bildern und Grafiken, einfach top.

Wolle: Jamieson’s of Shetland Double Knitting, Farbe Atlantic. Auch diese Wahl kann ich uneingeschränkt weiter empfehlen (wuhuu, endlich mal ein rundum positiver Post! 🙂 ) Das Beste: die Wolle gibt es in über 200 Farben!

Nadeln: 4 mm (ja, genau, für Herrengröße 48/50. Ich bin ein Held).

Ich habe mich damals (vor über 10 Monaten 😉 für diese Wolle entschieden, weil ihre Maschenprobe sehr ähnlich zum Original Guston-Modell ist. In einer russischsprachigen Strick-Community habe ich außerdem gelesen, dass genau diese Wolle von der rauen Shetland-Insel einmalige Eigenschaften aufweist, wenn es um Wärmeregulation geht. Das heißt, der Pulli wärmt hervorragend, aber es wird einem nicht stickig heiß, wenn man sich in warmen Räumen aufhält.

Unsere Reise nach Rotterdam Ende April war somit ideal, um den Pullover (= die Wolle) zu testen. Was habe ich mich in den letzten Wochen vor der Reise beeilt!

Herrenpullover Anleitung von Brooklyn Tweed
Ja, es war so kalt, wie es hier auf dem Bild aussieht 🙂

Was soll ich sagen, er war einfach perfekt. Wir müssen uns hier nicht rein auf die Worte von meinem Liebsten verlassen (was verstehen schon Männer von der Thermoregulation, pff!), denn auch ich habe den Pullover getragen. Es heißt ja in der Beschreibung zur Anleitung, „unisex garment“. Somit war er jeden Tag im Einsatz und wir hatten wirklich viel Freude daran.

Ach ja, und die Metallknöpfe haben wir bei unserem letzten Paris-Besuch im legendären Montmartre-Viertel ausgesucht und gekauft. Sie sind eigentlich viel zu schwer für ein Strickstück, aber wenn sich mein Mann etwas in den Kopf gesetzt hat… So kann er die Knopfleiste halt nicht offen tragen, sei’s drum.

Knopfleiste Guston Henley Pullover von Brooklyn Tweed

Und die Stolpersteine?

Zwei Sachen haben mir die Vollendung etwas erschwert.

Zum einen: achteinhalb verdammte Monate Arbeit, und das auch noch für wen anderen 🙂 Wem dabei nicht die Puste ausgehen würde, möge sich bitte melden in den Kommentaren.

Das andere ist ein Spezifikum des Strickmusters: Der Pullover wird zuerst in Runden glatt rechts gestrickt, bis kurz vor den Armausschnitten das Zopf/Schachbrettmuster einsetzt. Zöpfe ziehen ja bekanntlich ein Strickstück zusammen – oft werden vor einem Zopfbeginn Extra-Maschen aufgenommen. Dies ist in dieser Anleitung nicht der Fall. Diese Zöpfe gehen aber auch nur über zwei Maschen, und ich kann mir vorstellen, dass dieser Effekt bei einem loseren Gestrick weniger oder gar nicht einsetzt. Ich bin aber eine absolute Feststrickerin, und bei mir gilt: was sich zusammen ziehen kann, das zieht sich zusammen, und zwar stärker als erwartet.

Aus diesem Grund schien der Pullover unten viel weiter als oben, und bei den Schultern wirkte er gar unnatürlich schmal. Ich hoffte einfach bis zuletzt, dass die eingesetzten Ärmel die Schultern auseinander ziehen würden. Dieser Effekt ist auch eingetreten – der Pullover sitzt in meinen Augen gut.

Mein eitler Sonnenschein bemäkelt daher an dem Schnitt, dass er ein kleines Bäuchlein formt – ich bin der Meinung, wo nichts ist, da kann auch nichts geformt werden, husch. Die vergleichsweise schmalen Schultern führen dafür dazu, dass der Pullover auch an mir akzeptabel sitzt – also kein Penner-Oversize-Modell, sondern schick und gewollt Oversize. Ich mag ihn sehr.

Hier noch einmal der direkte Vergleich. Ich finde, ich habe es sehr gut getroffen, mit dem Pullover und auch dem Model 😉

Das ist also ganz sicher nicht das letzte Mal, dass ich nach einer Anleitung von Brooklyn Tweed und mit der Jamieson’s Shetland Wolle gestrickt habe. Wieso habe ich auch nur einen Moment daran denken können, mit dem Stricken aufzuhören?

Verlinkt auf Creadienstag #278

Guston Henley Outfit
Die Fotostrecke entstand in Rotterdam auf dem Gelände des Maritimen Museums.
Pullover mit Lochmuster aus Ziegenhaar
Stricken

Mohair in Natur

Im herrlichen Geschenkpaket von meinen russischen Verwandten waren neben den Pavlovo Posad Tüchern auch zwei Knäuel des original Orenburger Ziegenhaars. Weniger bekannt als Cashmere- oder Yakwolle, zählt auch diese Wolle zu den dünnsten und hochwertigsten der Welt. Die Tiere werden nur in der kalten Jahreszeit ausgekämmt: die frostigen und trockenen langen Winter der Region lassen bei den Ziegen besonders dichten und warmen Flaum wachsen.

Orenburger Lace Schals

In der Orenburger Region werden seit über 250 Jahren große Lacetücher gestrickt. Für die nötige Formstabilität wird die Ziegenwolle meist mit Seiden- oder Baumwollgarn verzwirnt. Die Tücher werden unvergleichlich warm und werden bei guter Pflege jahrzehntelang getragen.

Als besonderes Qualitätsmerkmal gilt es, wenn man ein solches großes Lace-Tuch durch einen Ehering ziehen kann.

Die beiden Knäuel sahen gar nicht flauschig aus, ich wusste aber, dass der Flaum sich im Zuge des Tragens und nach der ersten Wäsche entfalten würde.

Orenburger Pulli?

Ich bin kein leider kein Accessoires-Mensch, außerdem kamen die Knäuel mitten in meiner Pulli-Phase an. Ich hatte gerade erstmals zwei wunderbar tragbare Pullover fertiggestellt und wollte mehr davon.

Die Knäuel waren aus purem Ziegenhaar und mussten daher am besten zusammen mit einem Seidenfaden verstrickt werden. „Wenn schon, denn schon“, dachte ich und kaufte farblich perfekt passendes italienisches Seidenmohair.

Somit hat der Pulllover folgende Zusammensetzung:

50% Orenburger Ziegenhaar; 35% Mohair; 15% Seide.

Gar nicht so schlecht, oder? Dafür liebe ich das Stricken und das Nähen! Eine kurze Recherche hat ergeben, dass ein Seiden-Mohair Strickpulli am Markt ab 350 Euro am Markt zu haben ist. Meine Kosten: 21 Euro für drei Knäuel Lana Grossa; die russische Ziegenwolle, von der ich übrigens nur einen Knäuel verbraucht habe, war schließlich ein Geschenk.

Mohair-Pulli
Die weiße Bluse darunter ist natürlich auch selbst gemacht, natürlich nach einem Burda-Schnittmuster!

Die Umsetzung

Wie bereits die beiden Erstlingswerke von mir, basiert auch dieses Modell auf einer „Rebecca“-Beschreibung. Rebecca gehört zu meinen Lieblings-Strickzeitschriften: die Modelle sind schlicht und liegen halbwegs im Trend, die Anleitungen in der Regel ausführlich und gut verständlich.

Ich strickte also mit doppeltem Faden und Nadelstärke 4 (meine Lieblingsnadelstärke!). Der Wollverbrauch war erstaunlich gering, und so wiegt der Pullover sagenhafte 123 Gramm! Unglaublich, wie wärmend 100 Gramm Kleidung sein können!

Kratzige Ziege?

Der Pulli hat gekratzt. Und wie! Die ersten paar Mal Tragen dachte ich nur –  ich habe das Ding gestrickt, ich werde es tragen! Ich gewöhne mich schon dran!

Und dann? …habe ich mich dran gewöhnt. Außerdem wird die Wolle immer weicher und weicher. Nach jeder Wäsche, aber auch einfach so vom Tragen. Ich habe gehört, dass das „Einfrieren“ der Ziegenwolle sehr gut tut – also einfach raushängen, wenn es draußen Minusgrade hat – und da ich es regelmäßig mit allen meinen Wollsachen mache, wird es wohl auch eine Rolle gespielt haben. Mittlerweile könnte ich den Pullover auf nackter Haut tragen – werde ich wegen dem Lace-Muster aber vermutlich nicht machen ))

Ziegenhaar und Velourleder-Stiefel... Hach!
Ziegenhaar und Velourleder-Stiefel… Hach!
Es ist faszinierend, wie die ungefärbte Ziegenwolle mit der mitteleuropäischen Winterlandschaft harmoniert... Mein (mittlerweile) ungefärbtes Haar tut es auch, meine ich ))
Es ist faszinierend, wie die ungefärbte Ziegenwolle mit der mitteleuropäischen Winterlandschaft harmoniert… Mein (mittlerweile) ungefärbtes Haar tut es auch, meine ich ))

Ich bin keine große Strickerin, mir fehlt es an der Zeit und auch an Geduld, neue Techniken auszuprobieren, viel neues zu lernen und mehr als 1-2 Modelle im Jahr fertig zu stellen. Es sind Projekte wie dieser, die mich motivieren, die Nadeln nie für länger als einige Wochen aus der Hand zu legen und mir die Gewissheit geben, was lange währt, wird endlich gut.