Shirt aus Hanfjersey
Nähen

Naturstoffe, Naturfarbe – Shorts und Shirt

 

Am häufigsten kaufe ich Stoffe in Geschäften vor Ort. Ich fasse den Stoff an, immer und immer wieder, trete vor, trete zurück, rolle ihn auf, wandere damit zum Spiegel und schau, ob die Farben zu meinem Teint passen, trage ihn wieder zurück, mache eine Runde durchs Geschäft, komme zurück und der ganze Entscheidungsprozess geht von vorn los. – Eigentlich völlig unnötig, denn wenn ich mich in einen Stoff verliebt habe, dann will ich ihn haben. An meinen Gefühlen ändert sich nichts, ob ich mir zehn oder sechzig Minuten für die Entscheidung lasse…

Und dann gibt es auch Kopfentscheidungen. Denn hin und wieder bestelle ich Stoffe auch online, wenn auch wesentlich seltener. Da geht es mir in erster Linie um ungewöhnliche Qualität, um den Tragekomfort, den ich mir verspreche, um die Neugier auf eine Zusammensetzung, die ich von herkömmlicher Kleidung nicht kenne.

Hanf zum Nähen? Und dann auch noch als Jersey!

So kam es zu der Bestellung von einem Meter ungefärbten Hanfjersey auf naturstoff.de . Wenn schon rustikal und Natur, dann richtig. Der Hanf soll eine tolle Faser sein: schmutzabweisend, feuchtigkeitsregulierend, strapazierfähig und einfach angenehm zu tragen. Bis zum Siegeszug der Baumwolle im 19. Jahrhundert gehörte Hanf neben Flachs (=Leinen), Nessel und Wolle zu den wichtigsten Rohstoffen für die europäische Textilindustrie (Wikipedia).

Hanfshirt im Kornfeld

Zeitgleich mit dem Shirt nähte ich eine kurze Hose aus einem kleinen Wollstoff-Rest in der gleichen schönen Farbe Natur. Das ist derselbe Stoff, wie bei diesem Rock hier. Da hatte mein Umfeld dieselbe Reaktion, wie bei dieser Kombi, (die ich selbst, ehrlich gesagt, immer noch Hammer finde):

– Das trägst du dann aber nicht zusammen, oder?

Jaa, ich bin hell. Besser gesagt, blass. Immer wieder werde ich der Abneigung gegen jegliche Sonneneinstrahlung bezichtigt, ich selbst gebe eher meinen nordslawischen Wurzeln die Schuld. Nie käme es mir in den Sinn, mich meiner Hautfarbe zu genieren. Oft wird aber versucht, mir das Gefühl zu geben, ich müsste mit meiner Kleidung meine Haut kaschieren, zumindest aber vom Hautton ablenken. Helle Kleidung für blasse Menschen? Absolutes No Go!

Shirt aus Hanfjersey im Kornfeld
Ja, das ist ein Hasen-Anhänger 🙂

Ich trage auch gern bunt und achte darauf, dass die Farben, die ich aussuche, meinem Typ schmeicheln. Dieses Outfit aber, in dem ich mich unglaublich wohl fühle, ist für jene Tage, in denen ich meinen Blick eher nach Innen denn nach Außen richte. In denen bitte nichts zu laut oder dringend sein darf. In denen ich Vögel lauter zwitschern höre als sonst und in denen mir am Heimweg gern ein oder zwei Hasen begegnen, oder sogar ein Igel. (Ja, ich lebe in der Stadt, okay, am Stadtrand, und ja, ich liebe die Gegend, in der ich wohne 🙂 )

Möglicherweise mag man einwenden, dass ich in einem komplett beigen Outfit etwas kränklich aussehe. Für diese Fotostrecke stimmt es ohne Zweifel, denn da war ich tatsächlich alles andere als fit und wollte die Fotos unbedingt machen, bevor das schöne Kornfeld vor meinem Haus gemäht wird. Zwei Tage später war es wirklich nicht mehr da.

Es gibt Dinge in der Natur, die sind farblos, und doch wunderschön.

Shirt aus Hanfjersey
Die kurze Hose mit Bundfalten habe ich selbst konstruiert.

Noch ein paar Worte zum Stoff

Trägt sich Hanf wirklich so angenehm? Ja. Das T-Shirt ist luftig und bequem, „feuchtigkeitsregulierend“ trifft es sehr gut.

Würde ich genau diesen Stoff noch einmal kaufen? Leider nein. Das nächste Mal würde ich es mit einem Webstoff versuchen.

Nicht nur, dass die Meterware viel schmäler war, als ich es gewohnt bin – das kurzärmlige Shirt in Größe XS konnte sich nur nur ausgehen, weil es eine Teilungsnaht im Rücken hat. Da bin ich aber selbst schuld, hätte die Beschreibung besser lesen müssen. Die fehlende Breite macht den Stoff eben teurer, als zunächst vermutet.

Das größere Problem hängt damit zusammen, dass der Zuschnitt so wahnsinnig verdreht war. Ich habe den Stoff natürlich vorgewaschen und heiß gebügelt, aber die Kanten ließen sich trotzdem nicht sauber aufeinander legen. Mehr als herumzupfen konnte ich auch nicht – oder gibt es da irgendwelche spezielle Methoden? Obwohl ich so sorgfältig wie möglich gearbeitet habe, kam es nach der ersten Wäsche, wie es kommen musste: das Vorderteil hat sich verdreht. Das heißt, die Seitennaht mit dem Vögelchen-Knopf dreht sich nach vorn und auch den Ausschnitt muss man nach dem Anziehen zurechtzupfen. Die unvermeidbare Rückennaht dreht sich auch leicht seitlich.

Kurze Hose mit Bundfalten und T-Shirt
birds & rabbits 🙂

Es wird vermutlich nie jemandem auffallen, der nicht selber näht, aber mich stört es. Ich würde nur zu gern wissen, ob dieses Problem mit der Beschaffenheit von Hanffasern zu tun hat, oder ob dem doch ein reiner Produktions-, Lagerfehler, was auch immer zugrunde liegt.

Die dünne Wolle hingegen ist hervorragend, auch für Shorts! Sehr angenehm zu tragen, knitterarm und natürlich nicht kratzend. Und der Stoff war sage und schreibe 10 mal günstiger als der Jersey aus Hanf – denn ich habe ihm im Stofflager Kritzendorf gekauft, ohne zu wissen, dass es reine Wolle ist 🙂 Manchmal hat man so ein glückliches Händchen…

Shorts und Shirt in Natur